AUSSERDEM IM DEZEMBER 2025
STILLE BEOBACHTER | SILENT NIGHT, DEADLY NIGHT | ANACONDA | DER MEDICUS 2
11. Dezember
Bulgarien, Deutschland 2024 | Dokumentarfilm | FSK 12
R./B.: Eliza Petkova
Mit den ortsansässigen Tieren und Menschen
95 Min. | V.: missingFilms
In einem abgelegenen bulgarischen Bergdorf enthüllen sechs Tiere – Matsa, Mila, Kirka, Belushka, Belka und Gosho – die geheimnisvolle Welt des Aberglaubens. Eine Katze gilt als Vampir, ein Esel als verhext und ein Hund als Hühnerjäger. Durch die Augen der Tiere und ihre einfühlsamen Beobachtungen entdecken wir die schwindenden Hoffnungen des Dorfes aus der Perspektive seiner vierbeinigen Mitbewohner.
Diese höchst eigenwillige Mischform aus Doku und Inszenierung kann aufs Unterschiedlichste gelesen werden. Wenn mir die Arbeit auch sehr gefallen hat, möchte ich doch verschiedene Sichtweisen aufzählen:
Der Film ist je nach Gemütsverfassung eine Herausforderung an die Geduld und ans Durchhaltevermögen (einfacher gesagt: langatmig und langweilig) oder ein meditativer und kunstvoller Genuss. – Der Film kann als Komödie gelesen werden, wenn man sich auf die marginalen Dialoge über wiedergekehrte Ehemänner in den Tieren oder sonstwelche Flüche konzentriert. – Der Film macht deutlich, zu welchen Untaten der Mensch fähig ist, wie etwa einen Esel isoliert zu halten und ihn allein für seine Arbeitsleistung einzusetzen. Die Trauer des Tieres ist unübersehbar! – Der Film macht zweifelsohne deutlich, welche cineastische Strahlkraft und auch Suggestion erzeugt werden kann, wenn die Filmsprache so souverän beherrscht wird wie hier: ruhige, statische, lang stehende Einstellungen von exquisiter Kadrage, natürliches Licht, dezente Vertonung, geschickte Montage, wohlüberlegte Perspektiven sind ein Handwerk, das selbst in Blockbustern kaum je wirklich sinnvoll genutzt wird. Aber hier! Wenn es gelingt, sich der Ruhe des Films zu überlassen, ist er filmtechnisch gesehen eine Perle.
Tier gegenüber dem Menschen: wer ist das Monster? Eine filmische Meditation höchster Güte.
USA, Kanada 2025 | Horror, Slasher, Mystery
R./B.: Mike P. Nelson
D.: Rohan Campbell, Ruby Modine, Mark Acheson u.a.
V.: StudioCanal | 95 Min. | FSK t.b.a.
Als kleiner Junge muss Billy mitansehen, wie seine Eltern brutal von einem Mann im Weihnachtsmann-Kostüm ermordet werden. Jahre später ist er selbst als erbarmungsloser Killer unterwegs. Getrieben vom Trauma seiner Kindheit und mit seinem ganz eigenen Sinn für Gerechtigkeit wird Billy selbst zu „Santa“. Und mit jedem Türchen des Adventskalenders beginnt eine neue Nacht des Schreckens. Die Kleinstadt, in der er Unterschlupf sucht, wird zum blutigen Schauplatz seiner Abrechnung, denn in Billys Welt gilt die Regel: Wer unartig war, muss bezahlen!
Erstaunlich hochwertig ist der Look und die filmische Umsetzung eines Films, von dem ich i.d. Regel einen eher "lumpigen" oder trashigen Auftritt erwarte. Die Kamera etwa liefert überdurchschnittlich ab, die Figuren sind gar nicht mal so uninteressant gezeichnet. Doch für Jubelrufe fehlt zu viel für ein Genre-Gesamtpaket. Einmal: Originalität. Allzu vertraut ist das Konzept des rechtschaffenen Rache-Engels aus der Erfolgsserie Dexter, wie auch ein anderes Element (das hier nicht verraten wird) aus dem Franchise-Format Venom. Und selbst, wenn man mit diesen Aspekten nachsichtig ist, so fehlt doch immer noch das explizite und detailliert ausgestaltete Gemetzel jenseits von immer wieder geschwungenen Äxten und Blutzspritzern auf irgendwelchen Wänden. Dies gipfelt in einer Szene, in der das Blut so falsch aussieht, dass ich an Curry-Ketchup denke.
Ich meine es nicht allzu böse, wenn ich abschließend sage, dass die Neuaflage von Silent Night, Deadly Night ein Horrorfilm ist, in dem man es sich gemütlich machen kann.
USA 2025 | Komödie, Abenteuer | FSK 12
R.: Tom Gormican | B.: Kevin Etten, Tom Gormican
D: Jack Black, Paul Rudd, Steve Zahn, Daniela Melchior, Thandiwe Newton u.a.
100 Min. | V.: Sony Pictures Germany
Doug hat sich im Leben eingerichtet und redet sich ein, damit zufrieden zu sein, für angehende Paare (stinköde) Hochzeitsvideos zu drehen. In Wirklichkeit aber ist er nur noch ein blasser Schatten seiner selbst. Sein Kumpel aus Kindertagen, Griff, erkennt das und macht gemeinsam mit dem Freundeskreis Druck, dass sie gemeinsam den alten Traum vom Filmemachen wieder aufleben lassen und ihren absoluten Lieblingsfilm neu zu drehen: den Horrorstreifen Anaconda (Brasilien, Peru, USA 1997). Für Griff selbst stellt das Projekt auch eine Art Wiederbelebung dar, hat er doch als Schauspieler einen veritablen Karriereknick erlitten. - Endlich überwindet Doug seine Trägheit und lässt sich auf das Abenteuer ein, mit den anderen tatsächlich in den Amazonas zu fliegen, um ohne nennenswertes Budget, dafür mit Hingabe und Fantasie ihren Traum in die Tat umzusetzen. Aus Spaß wird schnell bitterer Ernst, als eine lebendige Riesen-Anaconda auftaucht und nicht nur das Projekt sondern auch das Leben aller Beteiligten zu beenden droht. Improvisation ist jetzt alles!
Film-im-Film-Filme habe ich schon immer gemocht, weil man in vielen Szenen zwei Ebenen erlebt. Hier spiegelt sich der Spaß der Crew auf dem Boot im Spaß, den das Tem beim Dreh der Komödie offenbar hatte, prickelnd wider. Der Humor steht hier eindeutig und zur Gänze im Vordergrund; wer einen Horrorfilm erwartet, wird eher nicht auf seine Kosten kommen, obwohl das gigantische Biest tatsächlich hervorragend animiert ist. Dankenswerterweise wird das beeindruckende Vieh ausgesprochen sparsam eingesetzt, sodass viel Raum für die vielen absurd komischen Situationen bleibt. - Anaconda ist eine Liebeserklärung an die Liebe zum Film, ans Filmemachen gegen jede Vernunft und an uns, die wir ins Kino gehen, um uns zurückzulehnen und uns einen ausgelassenen Gaudi zu gönnen.
DER MEDICUS 2
USA, Deutschland, Ungarn 2025 | Drama, Historie | FSK 12
R.: Philipp Stölzl | B.: Stewart Harcourt, Caroline Bruckner, P. Stölzl u.a.
D: Tom Payne, Emily Cox, Áine Rose Daly, Owen Teale, Emma Rigby, Malick Bauer u.a.
143 Min. | V.: Constantin
11. Jahrhundert: Der Medicus Rob Cole strandet mit seinen Weggefährten nach seiner Flucht aus Isfahan in seiner alten Heimat London, um dort das Licht des medizinischen Wissens aus dem Orient zu verbreiten. Bald wird er in die Intrigen des Königshauses verstrickt und wieder muss er kämpfen: Um das Leben seiner Patienten, für die Anerkennung seiner Arbeit und gegen eine ganz neue Herausforderung – das Leiden der menschlichen Psyche.
Dafür, dass solche Historienschinken gar nicht mein Ding sind, ist dieser handwerklich solide gemacht (abgesehen von der dt. Sync, in der sie mal wieder alle Nase lang "genau" sagen müssen). Die Parallele zu unserer Gegenwart ist wohl die, dass sich Menschen bedauerlicherweise zu jeder Zeit gegen Fortschritt und ein offeneres Denken über allgemeines Leiden (damals: die Psyche – heute: die Psyche... alle wollen offen sein, und keinem gelingt es). Und für alle Fans: es gibt hier ein Wiedersehen mit der wunderbaren Anne Ratte-Polle, leider jedoch lediglich in einer Nebenrolle. Möglicherweise werde ich diesen Kommentar ausweiten, wenn ich einmal den ersten Teil nachgeholt habe.
cnm



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