HOLY MEAT
Länge: 117 Min.
Buch: Alison Kuhn
Casting: Stephanie Maile
Kamera: Matthias Reisser
Schnitt: Christian Zipfel
Musik: Christian Dellacher
Eine dörfliche Laieninszenierung der Passion Christi artet zu einem blasphemischen Rave aus und hinterlässt das Publikum euphorisch und ratlos zugleich. Wie konnte es soweit kommen? In die Geschichte involviert sind vorrangig drei Figuren, aus deren jeweiligen Perspektiven der Hergang wie in Schleife aufgedröselt wird:
Pfarrer Oskar gab alles daran, seine Gemeinde in Dänemark verlassen und in der schwäbischen Ortschaft Winteringen neu anfangen zu können. Aus Unbeholfenheit kündigt er ad hoc eine "spektakuläre" Theateraufführung der Passion Christi an, welche daraufhin baldmöglichst umgesetzt werden muss. Für das erforderliche Geld geht er unkonventionelle, unlautere Wege.
Der Berliner Jungregisseur Roberto wurde von der Presse an den Pranger gestellt und daraufhin aus seinem Theater geworfen, weil seine Inszenierung als ableistisch fehlinterpretiert wurde. Das Dorftheater könnte die Rettung seines Rufes bedeuten.
Mia kommt zurück in den Ort, den sie lange gemieden hat, um sich um das Erbe der verstorbenen Mutter - eine Metzgerei - und Mias hier arbeitende Schwester zu kümmern, die wegen ihres Down-Syndroms in ein Heim abgeschoben zu werden droht, aber um jeden Preis weiterhin im Laden arbeiten will. Als ihr eine himmelschreiende Ungerechtigkeit bewusst wird, setzt sie alles daran, dem auch mit perfidesten Mitteln entgegenzuwirken.
In ihrem ersten Langfilm verwebt Regisseurin Alison Kuhn diese verzweifelten Lebensgeschichten zu einem komplexen Beziehungsgeflecht, das wir - je weiter der Film fortschreitet - immer tiefergehend begreifen dürfen. Da viele Aspekte dieser Geschichte in ihrer eigenen Biografie wurzeln, ist dabei trotz absurdester und sehr komischer Situationen eine wundervolle Mischung aus Drama und Komödie herausgekommen, in der das Drama zu Recht einen hohen Anteil hat, ohne je erdrückend zu wirken. In jedem Moment zollt die Regisseurin ihren Figuren Respekt und zeigt mit ihrem filmischen Triptychon auf, dass ein negatives Urteil gegen Menschen zwar leicht gefällt ist, oft aber den Angeklagten eklatant Unrecht tut. Es ist Kuhn hoch anzurechnen, dass sie überholte, stereotype Narrative so konsequent wie geschickt umschifft.
Meine Kritik ist eher rein formaler Natur. Leider ist der Film unnötig zäh geschnitten, sodass der Film stellenweise etwas Ermüdendes hat. Meine Einschätzung: ein paar Tage im Schneideraum, und Holy Meat wäre eine Hochglanz-Dramödie. In jedem Fall aber eröffnet der Film das Kinojahr 2026 erfreulich amüsant, originell und integer.
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| Proben zur alternativen Theateraufführung | © Matthias Reisser |


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