ENZO
ENZO ★★★★★★
Start: 02.04.2026 | FSK 16
Frankreich, Belgien, Italien 2025
Länge: 102 Min.
Regie: Laurent Cantet, Robin Campillo
Buch: Laurent Cantet, Robin Campillo, Gilles Marchand
Casting: Leīla Fournier, Marie Cantet
Buch: Laurent Cantet, Robin Campillo, Gilles Marchand
Casting: Leīla Fournier, Marie Cantet
Cast: Eloy Pohu, Pierfrancesco Favino, Élodie Bouchez, Maksym Slivinskyi, Nathan Japy, Vladyslav Holyk, Malou Khebizi, Philippe Petit
Kamera: Jeanne Lapoirie A.F.C.
Schnitt: Robin Campillo
Kamera: Jeanne Lapoirie A.F.C.
Schnitt: Robin Campillo
Enzo, 16, lebt mit seinem Brüder und den beiden Eltern in einer Designer-Immobilie am Meer: Glasfronten ermöglichen den schönsten Blick, er selbst sieht – wie die Eltern – blendend aus, das Leben könnte komfortabler und idyllischer nicht sein. Doch divergieren seine Lebenspläne und die der Eltern enorm. Während sie Enzos künstlerisches Talent erkennen und fördern möchten, hat er frühzeitig die Schule verlassen und arbeitet jetzt als Maurer auf dem Bau. Und das nicht besonders gut: schon früh gibt es Beschwerden über mangelndes Talent und mangelndes Engagement bei der Arbeit. Enzo gelobt Besserung. Sein Problem: er ist befremdet vom Luxus, von den vorgegebenen Lebensplanungen, von bourgeoiser Hülle. Dabei gegen ihm die Eltern wenig Grund. Sie interessieren sich ernsthaft für den Jungen, sie üben wenig Druck aus, sind immer offen für den Dialog. Allein, Enzos schwule Sehnsucht muss er vorerst mit sich selbst ausmachen; zu heteronormativ ist das gesamte Umfeld, einschließlich des Soziotops Baustelle. – Immer mehr interessiert sich Enzo für den Kollegen Vlad, deutlich älter, offensichtlich hetero. Dennoch entsteht eine Nähe zwischen den beiden, nur nicht so ganz in Enzos Sinne... Und so, unter sonnigem Himmel, verliert der Verlorene immer mehr den Boden unter den Füßen.
Dies ist der letzte Film von Laurent Cantet, der 2024 in Paris verstarb. Ihm zur Seite sein alter Freund Robin Campillo, der, soweit es ging und darüber hinaus, mit ihm diesen Film bewerkstelligte, einer Absprache nach der Krebsdiagnose Cantets folgend. Herausgekommen ist ein vollkommen organischer Film, der sich durch eine Dezenz im Ton auszeichnet, ohne auch nur ansatzweise blass zu sein. Hier wird nie unnötig dramatisiert, hier wird nicht weich gezeichnet und erst recht nicht schwarzweiß. Es bleibt bei allen Mühen der Familienmitglieder, das Leben bestmöglich anzugehen, eine Art Unmöglichkeit gemeinsamen Glücks, weil der adoleszente Sohn mit all seinem Sein, Denken, Sprechen und Schweigen das Lebenskonzept "Erfolg" untergräbt. Er schaut weiter: was soll all der Luxus? Warum soll uns der Krieg in der Ukraine nichts angehen? (Zwei seiner Kollegen sind Ukrainer, Enzo selbst erwägt, mit ihnen zu ziehen) Warum soll ein Leben als Maurer nicht ein zufriedenstellendes sein?
Die Reibereien innerhalb der Familie eskalieren nie ins Klischee eines Film-Dramas, allerdings spüren wir zunehmend die lauernden Abgründe – allen voran im Vater und im Sohn; als stünden sich zwei Welten gegenüber...
Enzo ist viel mehr als ein rein queerer Film. Nur selten gelingen Geschichten über die Risse in idyllischen Kulissen so ehrlich, wahrhaftig, zart und scharf konturiert zugleich. M.E. ist Enzo eine meisterliche Arbeit, die selbst in einer gänzlich gekippten Situation noch einen Funken Hoffnung lässt – und der beeindruckende Abschluss eines Vermächtnisses. Absolute Empfehlung!
cnm

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