NOMADLAND
NOMADLAND ★★★★★★
Kinostart: 1. Juli 2021| FSK 0
Genre: Drama, MeilensteinLänge: rund 110 Min.
Regie: Chloé Zhao
Buch: Chloé Zhao, Jessica Bruder
Darsteller: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Buch: Chloé Zhao, Jessica Bruder
Kamera: Joshua James Richards
Schnitt: Chloé Zhao
Musik: Ludovico Einaudi
Das Leben hat es nicht zwingend gut gemeint mit Fern: nachdem vor einer Weile ihr Mann verstarb, machte dessen Arbeitgeber dicht und damit der ganze Ort ihrer Wohnhaft: "Empire", Nevada, verlor sogar die Postleitzahl. Nun tingelt die Witwe im Wohnwagen - in dem sie lebt - durchs Land. Von Bauwagenplatz zu Bauwagenplatz, von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Es gibt Dosensuppe, es gibt viele gute Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen, und es gibt Erinnerungen.
Fern hat sich in ihr neues Leben eingefunden, sie wünscht sich kein anderes. Sie ist mit der kapitalistischen Gesellschaftsform einverstanden, die sie marginalst versorgt und am Leben hält. Fern hat einen Frieden, sie hat ihre eigene Menschenfreundlichkeit und größte Wertschätzung dem gegenüber, was sie besitzt, was sie findet und was man ihr schenkt.
Die Gemeinschaft, der sie angehört, ist lose gestrickt. Menschen treten für Augenblicke in ihr Leben und sind gleich wieder weg. Andere kommen immer wieder und werden praktisch zu steten Begleitern. "Wir sehen uns" ist hier keine Floskel, sondern eine Wendung wie ein Versprechen: Wir sind eins, halten zusammen, wenn es sein muss, über den Tod hinaus.
Bei einem solchen Thema hätte der Film allzu leicht zu einem larmoyanten, pseudo-pittoresken Rührstück mit hohem Kitschfaktor und dem Tenor einer Anklageschrift geraten können. Dem ist dankenswerterweise nicht so. Was hier gelungen ist, grenzt an ein Wunder. Wir erleben unendliche Poesie in der Stille vieler Augenblicke, in kleinsten Gesten, dem weiten Blick auf Landschaften, die keine Aufmerksamkeit verlangen und den Introspektiven vieler Individuen, die voller Liebe auf ihre Vergangenheit, ihr Hier und Jetzt und auf eine Zukunft schauen, die sie nicht fürchten. Ein wichtiges Moment ist dabei die Musik von Ludovico Einaudi, die ausreichend Melancholie und Dramatik mitbringt, und die immer dann weggelassen wird, wenn sie Situationen überfrachten würde.
Besonders handfest wird das Gesamtbild a) dadurch, dass Fern selbst dann die Möglichkeit einer häuslichen Niederlassung flieht, wenn sich ihr diese wie auf dem Silbertablett bietet, und b) durch den Umstand, dass ein Großteil des Casts sich selbst spielt. Hier gelingt quasi ein Hybrid aus Spielfilm und Dokumentation, der uns unter Umständen zum Innehalten und Neuüberdenken von allem bringt, was wir für gut, richtig und wichtig halten.
Frances McDormand hat dieses Projekt initiiert. Sie ist m.E. eine Heroin des Filmgeschäfts, weil sie ganz offensichtlich weder ihre Menschlichkeit noch die der Zuschauenden je verraten würde. Sie bringt ihren Promi-Status für das Beste ein: einen neuen Fokus.
Dringende Empfehlung.
cnm
In diesem Zusammenhang auch interessant und sehenswert: "Sauvage", F, 2018 - Besprechung in meinem Blog.
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