DER HEIMATLOSE

DER HEIMATLOSE ★★★½☆☆
Start: 27.08.2026 | FSK 12
Paul Boche | © Florian Mag



Deutschland 2026
Genre: Drama, historisches Setting
Länge: 122 Min.
Format: 1,66:1
Regie: Kai Stänicke
Buch: Kai Stänicke
Casting: Liza Stutzky
Cast: Paul Boche, Philip Froissant, Emilia Schüle, Julika Jenkins, Jeanette Hain, Stephanie Amarell, Margarita Broich u.a.
Kamera: Florian Mag
Schnitt: Susanne Ocklitz
Musik: Damian Scholl

Nach vielen Jahren auf dem Festland kehrt Hein in seine Heimat zurück – in das einzige Dorf auf einer abgelegenen Insel, gezeichnet von den rauen Gezeiten der Nordsee. Zu seiner Verwunderung erkennt ihn die eingeschworene Dorfgemeinschaft jedoch nicht wieder. Selbst sein Jugendfreund Friedemann wendet sich von ihm ab.
Um der Wahrheit Genüge zu tun, beruft die Gemeinde ein Dorfgericht ein, das klären soll, ob Hein wirklich der ist, für den er sich ausgibt. Doch während des Prozesses häufen sich die Widersprüche. Heins Erinnerungen an seine Jugend weichen stark von den Aussagen der Zeugen und Zeuginnen ab. Mit jedem Verhandlungstag wird seine Lage aussichtsloser, und die Stimmung im Dorf schlägt zunehmend in Feindseligkeit um. Am Rande des Scheiterns begibt sich Hein verzweifelt auf die Suche nach Beweisen für die Echtheit seiner Erinnerungen – und verstrickt sich in immer mehr Widersprüchen – aus gutem Grunde.

Der Heimatlose ist für mich ein Film, der erst im Nachgang "erblüht", also seine Wirkung entfaltet, weil er mit seinem vielschichtigen Ende im Rückblick eine ganz besondere – vor allem eine besonders tragische Geschichte erzählt. Diese darf natürlich nicht verraten werden. Mit den reduzierten Mitteln in der Umsetzung (theaterhafte Kulissenbauten, die uns, ähnlich Lars von Triers Dogville (2003) oder Volker Schlöndorffs Tod eines Handlungsreisenden (1986) mehr Abstraktionsvermögen abverlangt) rückt Regisseur Stänicke einmal die schauspielerischen Leistungen verstärkt in den Fokus und macht weiterhin die Frage nach der Beweisbarkeit einer Identität zu einer intellektuellen Frage. Seltsamerweise scheinen sich die Filme zu eben dieser Frage seit einiger Zeit zu türmen; doch bleibt die Fragestellung immer interessant.

Menschen verändern sich, werden während ihrer Lebensdekaden u.U. gänzlich andere Menschen und werden nach Jahren kaum noch wiedererkannt. Wie wollte man da von einer Identität sprechen?

Leider hat mich das etwas steife Schauspiel einiger DarstellerInnen so gar nicht überzeugt – allen voran das der viel beschäftigten Emilia Schüle. Sie betont und artikuliert wie eine blutige Anfängerin, hat die Energie einer Frau unserer Tage, während das Stück im 14. Jahrhundert spielt. Solche Details schaden dem Gesamtwerk nicht unerheblich. Darüberhinaus hat der Film mit einigen Längen zu kämpfen, die in der Tat nicht nötig gewesen wären (15 Minuten Kürzung hätten dem Film sicherlich gut getan). Positiv aufgefallen ist mir dagegen der altmodische Sprachgebrauch, der sehr organisch und glaubwürdig umgesetzt wurde, sowie die guten schauspielerischen Leistungen der zentralen Figuren (Boche, Amarell vor allem).

Vielleicht ist Der Heimatlose am ehesten etwas für jene, die gern lesen und ins Theater gehen: der Film kombiniert literarische Qualitäten mit Brecht'schem Theateranspruch – erfüllt beide Kriterien zwar nicht zur Gänze, kommt ihnen aber wesentlich näher als das Meiste, was sonst so im Kino zur Verkostung angeboten wird.

cnm 

Querverweis auf Stiller, in dem es auch um die Identitätsfrage geht.

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