WER WIR WAREN

WER WIR WAREN ★★★☆☆☆
Kinostart: 08.07.2021 | FSK 0 | Prädikat Besonders Wertvoll
Mensch und Natur oder Mensch versus Natur?

Deutschland 2021
Genre: Dokumentarfilm
Länge: knapp 114 Min.
Regie: Marc Bauder
Buch: Marc Bauder
Nach: Roger Willemsen 
Interviewte: Alexander Gerst, Sylvia Earle, Matthieu Ricard, Felwine Sarr, Janina Loh
Kamera: Börres Weiffenbach
Schnitt: Stefan Stabenow
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel

Der Dokumentarist Bauder bilanziert unser Wirken in der Welt und auf der Erde - je nach Blickwinkel - utopisch oder dystopisch. Sind wir Zerstörende oder Erhaltende, das Sein Liebende oder alles Platttrampelnde hier auf Erden? Dazu montiert er Naturbilder mit O-Tönen von Menschen, die sich der Frage mit Leidenschaft und aus den unterschiedlichsten Perspektiven nähern: einem Astronauten (der im All seine O-Töne spricht), einer Ozeanologin, einem Buddhist und Molekularbiologen, Ökonom:innen und Philosoph:innen. Die Dokumentation kreist um die Frage, die dem Publizist und Denker Roger Willemsen kurz vor seinem Tode ein Hauptanliegen war: wer werden wir gewesen sein, betrachten wir uns aus der nahen Zukunft so, wie wir heute sind und uns verhalten. Zitat Willemsen: "„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ Ich füge an: voller Erkenntnis, aber nicht bereit zu ausreichend konsequentem Handeln. Dieses Thema und diese Fragen betreffen uns alle, ob wir nun die Augen verschließen oder nicht.

Beinahe kontemplativ gerät diese Montage, kein bisschen angriffslustig. Es soll bewusst auf das geschaut werden, was an Perspektive und individueller Initiative möglich ist und nicht - anklagend - auf die Soll-Seite der Menschheit.

Wer wir waren ist eine Dokumentation mit einem großen Anliegen. Doch ich komme nicht umhin, meine Schwierigkeiten damit anzumelden. Denn wenn eine solche bildgewalige Reflexion transportieren will, dass es auf das Individuum ankommt (und das will sie explizit), sollte sie doch vielleicht auch eher das Individuum anpieksen und provozieren, statt es wohlig einzulullen. Da wären meines Erachtens radikalere Schnitte hilfreich gewesen, die in unser alltägliches Leben eintauchen und glasklar spiegeln, welche Sauerei wir täglich und wie blind veranstalten - auch auf die Gefahr hin, dass ein polemischer Schnitt nicht wenigen auf die Nerven gegangen wäre. Unser Spaß und unser Komfort ist keine Kleinigkeit, das wünschte ich mir in einer solchen Arbeit größer ausgestellt, damit der Film weh tut und den Blick schärft.

Elegische Montage aus beeindruckenden Naturbildern und engagierten Aussagen von Wissenschaftler:innen und Denker:innen zum Thema "Wer werden wir gewesen sein, was werden künftige Generationen über uns, die wir heute leben und handeln, wohl sagen?" Fußend auf Roger Willemsens Ausführungen kurz vor seinem Tode. Meines Ermessens für die Brisanz der Frage eine etwas zu brav geratene Doku.

WER WIR WAREN wurde mit dem Hessischen Film- und Kinopreis 2020 ausgezeichnet und erhielt das Prädikat "Besonders wertvoll".

cnm

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