TOTAL TRUST

TOTAL TRUST ★★★★★
Originaltitel: The Total Trust | Filmstart: 05.10.2023 | FSK 6
Wenzu Li und ihre Familie unter ständiger Observation | © Filmtank, Piffl Medien



Deutschland, Niederlande 2023

Genre: Dokumentarfilm (investigativ)
Länge: gut 90 Min.
Regie: Jialing Zhang
Mit: Zijuan Chen, Weiping Chang u.a.
Kamera: Cuier (anonym), RCS (anonym), J.V. Chi (anonym)
Schnitt: Barbara Toennieshen, Claire Shen (anonym)
Musik: Jörg Gollasch

Der Anwalt Weiping Chang hatte u.a. Menschen verteidigt, deren Häuser zwangsabgerissen wurden, er setzte sich für Menschen ein, die am Arbeitsplatz diskriminiert wurden, er war einer der wenigen Anwälte, die die #MeToo-Bewegung offen unterstützte und bot Opfern sexueller Gewalt rechtlichen Beistand an. Im Jahr 2020 wurde er verhaftet und ist seitdem inhaftiert. Seine Frau Zijuan Chen kämpft seither unermüdlich für seine Freilassung - trotz Überwachung und Schikanen durch den Staat. Ihre Teilnahme am Prozess gegen ihren Mann wird heimtückisch durch die Behörden vereitelt.

Die Überwachung durch KI-gestützte Big Data Systeme ist kein Zukunftsszenario, sondern längst ein weltweites, reales Phänomen - nicht nur in China. Die Regisseurin hat anhand dieses extremen Beispiels klargemacht, wie weit die Überwachung gehen kann als politisches Instrument der Steuerung von BürgerInnen in Richtung gehorsamer Lämmlein (der Titel ist komplett ironisch). Die weltweiten Einschränkungen während der Pandemiejahre konnte diese Prozesse beschleunigen. Gesichtserkennung, Sozialkredit-Systeme, staatlich verordnete Begrenzungen als Bestrafung... all das hat längst Einzug gehalten. Mittels heimlicher, anonymer (und sehr mutiger) Aufnahmen wird die Radikalität dieses Systems offensichtlich; da musste filmisch nicht dramatisiert werden. Das Ergebnis ist erschütternd. Streckenweise wirkt diese Doku dann auch tatsächlich wie ein Science-Fiction Thriller!

Die Frage, die damit im Raum steht, ist: in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Was mich persönlich beschäftigt, ist der Mangel an Bereitschaft zum Kompromiss. Denn jede Idee birgt nicht nur Gutes oder Schreckliches in sich. Die Frage ist ja: wie wollen wir die Technologien nutzen? - Ich habe mir aus direkter Quelle sagen lassen, dass es z.B. für eine Frau sehr angenehm sein kann, wenn sie nachts durch einen verlassenen Park geht, ohne das Geringste zu befürchten, da die Überwachung so konsequent erfolgt. In meinen Straßen in Berlin empfinde ich es als Zumutung, dass es kaum eine Form von Reglementierung des Miteinanders gibt. Kurz gesagt: die Menschen machen, was sie wollen, nahezu jedwede Unverschämtheit bleibt ohne Konsequenzen. (Diese Anmerkung soll keinesfalls fehlgedeutet werden als das Gutheißen der o.g. staatlichen Übergriffe auf die freie Meinungsäußerung).

Eindrucksvolle und mutige, beachtliche Doku über den Ist-Zustand der Überwachungen, Kontrollen und Eingrenzungen persönlicher Freiheitsrechte in China, stellvertretend für das, was sich bereits weltweit anbahnt und in unterschiedlichsten Bereichen umgesetzt wird. Eine Doku wie ein lauter Warnschuss.

Sehr sehenswert, dringend empfohlen.

cnm 

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