SENTIMENTAL VALUE

SENTIMENTAL VALUE ★★★★½
Originaltitel: Affeksjonsverdi | Start: 04.12.2025 | FSK 12
Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas | © Kasper Tuxen Andersen





Norwegen, Dänemark, Schweden, Deutschland 2025

Genre: Drama
Länge: 135 Min.
Regie: Joachim Trier
Buch: Eskil Vogt
Casting: Yngvild Haga, Avy Kaufman
Cast: Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning, Anders Danielsen Lie, Jesper Christensen, Lena Endre, Cory Michael Smith, Catherine Cohen, Andreas Stoltenberg Granerud, Øyvind Hesjedal Loven, Lars Väringer
Kamera: Kasper Tuxen
Schnitt: Olivier Bugge Coutté
Musik: Hani Rani

Die Geschwister Nora und Agnes hatten die gleiche, schwierige Kindheit. Und doch hat sich ihr Leben ganz verschieden gestaltet: während Agnes eine Familie gründete, wurde Nora eine erfolgreiche Schauspielerin, dabei aber seltsam unausgefüllt und einsam. Gustav, ihr Vater, hatte sich kaum um die Mädchen gekümmert, war er doch mit seinen Filmprojekten zu beschäftigt. – Nach der Trennung von seiner Frau verschwand er für Jahre und kehrt erst jetzt, zu ihrer Beisetzung, überraschend ins Haus zurück. Doch er will nicht allein Beileid bekunden, sondern Nora als Schauspielerin in der Hauptrolle für einen Film gewinnen, der ganz offensichtlich sein Vermächtnis abrunden und ihm nach zehn Jahren Schaffenspause nochmal etwas Bedeutung geben soll. Die Tochter ist noch so verletzt, dass sie entschieden ablehnt, ohne das Drehbuch gelesen zu haben.

Joachim Trier gelingt mit seinem Film ein vielschichtiges Stimmungsbild, das sich auf sehr vielen Ebenen fast schon als universell gültig beschreiben lässt. Welche Eltern sind nicht ihrer Aufgabe gerecht geworden? Welche Töchter (Kinder) sind nicht enttäuscht? Ist es nicht oft so, dass Erfolg so gar nichts mit Glück und echter Zufriedenheit zu tun hat? Hilflos kreisen die Figuren um einander, sie lieben einander und wollen einander beschützen, doch das ist so schwer, denn niemand kann dem Anderen je wirklich in den Kopf schauen. Offensichtlich scheint mir, dass der Vater, ein prototypisch ignoranter Egomane und Manipulator, der alle ätzenden Qualitäten des Filmgeschäfts spiegelt, sich selbst der größte Prüfstein ist. 

Die ganze Geschichte ist komplex verschachtelt, springt in den Zeiten und den Wirklichkeitsebenen (Film im Film, Bühne im Film), und darum kann es Sinn machen, sich vor dem Anschauen – je nach Bedarf – ein wenig mit dem genauen Inhalt vertraut zu machen. Die schauspielerischen Leistungen sind so faszinierend nuanciert, dass sich auch bei einer vierten Sichtung sicher immer noch mehr Details entdecken ließen (ein Beispiel: der Schwiegersohn – für Gustav irrelevant – geht auf Gustav zu und will ihn offensichtlich umarmen – der jedoch streckt ihm eine Flasche Wein als Gastgeschenk entgegen und verhindert so die gut gemeinte Geste, ein köstlicher kleiner Augenblick).

Sicher unbeabsichtigt am Dilemma der Romy Schneider anlehnend – nämlich entgegen persönlicher Verluste des Lebens auch mit öffentlicher Aufmerksamkeit nicht glücklich werden zu können – schafft Trier eine erstaunlich komplexe Darstellung des Mikrokosmos' Familie. Dabei lässt er  – und dafür bin ich ihm dankbar – immer noch wertvolle Momente des Mitgefühls und eine Aussicht auf Versöhnung mitschwingen.

Sentimental Value ist ein klein wenig anstrengend, aber unbedingt entdeckenswert! Auf seine eigene Art eine filmische Perle.

cnm


Großer Preis der Jury in Cannes, große Anerkennung auch Seitens des Publikums.

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