LUISA
Länge: 94 Min.
Buch: Silke Märzhäuser, Julia Roesler
Kamera: Frank Amann
Schnitt: Anne Jünemann
Musik: Insa Rudolph
Luisa, 22, lebt in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung. Erst vor kurzem zog sie von der Familie hierher, sie hat Arbeit, wird "gut versorgt". Mit ihrem Partner Anton verbringt sie eine romantische Zeit, sie kuscheln gemeinsam. Doch ab einem bestimmten Punkt zieht sie sich zurück, wird stiller, ist bedrückt und will sich nicht mitteilen. Bald stellt sich heraus, dass Luisa schwanger ist. Anton kann es nicht gewesen sein, denn er ist zeugungsunfähig. Und Luisa erzählt niemandem, was passiert. Also wird sexueller Missbrauch vermutet. Wir Zuschauende wissen, dass es zwischen ihr und dem Personal des Hauses zu erotischen Handlungen gekommen ist.
Luisa ist in verschiedener Hinsicht derart kontrovers, dass ich keine eindeutige Bewertung abgeben als vielmehr Gedanken zu unterschiedlichen Aspekten äußern kann.
Eine der zentralen Fragen dieser Geschichte ist die um das Recht auf Selbstbestimmung, hier in der Sexualität. Ist es in Ordnung, wenn Luisa sich auf Annäherungen des Personals einlässt? Tut sie dies freiwillig oder fällt es unter Nötigung oder Übergriff? Der Film beantwortet diese Fragen nicht eindeutig, sind die entsprechenden Szenen doch nur Andeutungen und nie ganz explizit ausgeführt. Einer der stärksten Momente des Films zu der obigen Frage läuft nonverbal ab und dauert nur einen Wimpernschlag.
Wird genug über Sexualität geredet in diesem Kontext? Wird das Thema eher ausgeblendet? Wird es gefördert? Wie kann sexuelle Selbstbestimmung gewahrt bleiben auch in Hinsicht auf etwaiges Verlangen nach Sex mit verschiedenen PartnerInnen? Was ist Einvernehmlichkeit, wenn Worte nicht das erste Kommunikationsmittel sind? Der Umgang mit diesen Fragen ist wichtig und entscheidend.
Erstmals, so heißt es, wird hier die Hauptfigur von einer Nichtbehinderten Schauspielerin gespielt*. Das war für mich als Zuschauer schwierig. Einmal ging mir ständig durch den Kopf: macht sie es gut? Macht sie es authentisch? Glaube ich das? Zum Anderen sehen Behindertenverbände eine solche Entscheidung als eine Art von Übergriff (meine Wortwahl), nämlich in der Form, dass Behinderten, die im Filmgeschäft eh schon unterrepräsentiert sind, auf diese Art Jobs vorenthalten werden. Die Kritik kann ich absolut nachvollziehen, denn wann würde je ein Behinderter einen Nichtbehinderten spielen (können)?. Als Positivbeispiel denke ich hier an den kommenden Film Der Frosch und das Wasser (Start: 30. April 2026), in dem Aladdin Detlefsen – ein Mann mit Down Syndrom – einen Mann mit Down Syndrom spielt, der sich aus den Zwängen seiner Lebenssituation löst. Der Mann braucht quasi nicht ein Wort, um komplett zu überzeugen.
Im Gegensatz dazu haben die Figuren in Luisa zwar Text, wirken dennoch unterkomplex, skizzenhaft – besonders deutlich wird das etwa bei Luisas Eltern, über deren Leben wir praktisch nichts erfahren.
Luisa ist ein sehenswerter Film, der Fragen aufwirft, die verdammt schwer zu beantworten sind. Leider bezieht er selbst nur vage Stellung und wirft von Produktionsseite aus weitere Fragen auf, die einen gewissen Widerspruch zur eigenen Attitüde darstellen.
cnm
*Das Drehbuch wurde von Julia Roesler und Silke Merzhäuser auf Basis einer monatelangen Recherche in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung geschrieben. Neben der individuell bewegenden Geschichte der jungen Bewohnerin LUISA sollen auch die Strukturen, die die extrem hohen Fallzahlen von Missbrauch an Frauen mit Behinderung ermöglichen, gezeigt werden.In der Drehbuchentwicklung wurde mit dem inklusiven Ensemble MEINE DAMEN UND HERREN aus Hamburg zusammengearbeitet, von denen auch einige Schauspieler*innen zum Cast gehören. Gemeinsam wurden die Figuren so weiterentwickelt, dass sie sowohl in Bezug auf die eigene inhaltlich-künstlerische Vorstellung, als auch in Hinblick auf vorhandene Barrieren für die Schauspieler*innen spielbar wurden. Während des Drehs wurden sowohl geskriptete, als auch improvisierte Szenen gefilmt.
Begleitet wurde das Projekt von erfahrenem inklusivem Fachpersonal.
Julia Roesler (Regie):
„Ziel war es, die Erzählung um Luisa und ihre Auseinandersetzung mit den Grenzverletzungen, die ihr zustoßen, möglichst einfühlsam und respektvoll zu umkreisen. Parallel sollte die häufig verborgene Lebenswelt von Menschen mit Behinderung in jener machtvollen Institution gezeigt werden, die sie beschützen soll, aber zugleich bedrohlich für ihre körperliche Integrität und ein selbstbestimmtes Leben ist. Denn wenn es die Strukturen der Heimunterbringung sind, die Missbrauch in dem Maße ermöglichen, also Institutionen, die Schutz für ausgerechnet die vulnerabelsten Menschen in der Gesellschaft versprechen und nicht halten können, wie können wir das szenisch und visuell abbilden? Und wie können wir als Gesellschaft das verändern?"

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