THE HISTORY OF SOUND
Länge: 128 Min.
Buch: Ben Shattuck
Casting: Susan Shopmaker
Kamera: Alexander Dynan
Schnitt: Chris Wyatt
Musik: Oliver Coates
Im Jahr 1917 lernen sich die beiden Musikstudenten Lionel und David zufällig in einer Bar nahe des Bostoner Conservatory kennen. David sitzt selbstvergessen an einem Klavier, spielt darauf und singt altes Liedgut, ohne dass es ein großer Auftritt wäre. Wie magisch angezogen, geht Lionel auf ihn zu, spricht ihn an, und schon sitzen sie da und singen gemeinsam. Ihre Liebe zur Musik soll für immer ein Band zwischen den jungen Männern sein. Sie beginnen ein Verhältnis, das aber jäh unterbrochen wird, als David als Soldat eingezogen wird. Jahre später – der Krieg hat David sehr verändert – treffen sie sich wieder und ziehen gemeinsam durchs Land, um beim einfachen Volk traditionelle Lieder aufzunehmen und zu notieren. Diese gemeinsame Zeit ist womöglich die schönste Zeit ihrer beider Leben.
Alle bemühen ihn, und er liegt nahe: der Vergleich zu Brokeback Mountain von Ang Lee. Der Unterschied: dieser Film ist zarter, zurückhaltender, die Liebesbeziehung steht nicht so deutlich im Vordergrund als vielmehr (oder gleichberechtigt) die Liebe zur Musik. Der Film lässt den beiden Männern so wie uns Zeit, in die Atmosphäre zu finden, sich der Stimmung hinzugeben. Die erotischen Momente sind kurz gehalten (gut so, denn sie wirken auf mich ein wenig gezwungen), dafür erleben wir eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit. Die Grenzen sind fließend! Entscheidend ist hierbei das, was nicht gezeigt bzw. gelebt wird, was zwischen den Bildern und wenigen Zeilen mitschwingt –weil es eben um zwei liebende Männer geht, die zu ihrer Zeit kein Paar sein dürfen.
Großes Plus der Arbeit – und damit gleichauf mit dem o.g. Film – ist die erlesene Fotografie und der subtile, immer stimmige und top platzierte Score, die es uns leicht machen, uns auf diese auf den ersten Blick spartanische, elegische Geschichte einzulassen. Wenn das gelingt, ist es eine Wohltat für die eigene Seele: eine Entschleunigung, ein Verweilen im Moment und verbunden sein – soweit das eben möglich ist – durch das, was man liebt, verbunden für ein ganzes Leben. Eine wärmende Wohltat für die Seele!
cnm
Randnotiz: ich sitze im Kino, die Trailer zu kommenden Filmen laufen.
Neben mir ein Mann in weiblicher Begleitung. Als beim Trailer zu The
History of Sound klar wird, dass die Männer sich küssen und Sex haben,
greift der junge Mann neben mir reflexartig zum Handy, um sich damit
zu befassen. Dies Thema ist noch lange nicht als selbstverständlicher
Teil unserer Wirklichkeit in den Köpfen angekommen. Wie wäre
es wohl, wenn ich mir bei jeder heterosexuell expliziten Szene
wimmernd die Augen zuhielte? Ich finde das alles so lächerlich
im Jahr 2026.

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