GELBE BRIEFE

GELBE BRIEFE ★★★½☆☆
Originaltitel: Sarı Zarflar | Start: 05.03.2026 | FSK 12
Özgü Namal, Tansu Biçer ben | © Ella Knorz / ifProductions / Alamode



Deutschland, Frankreich, Türkei 2025
Genre: Drama
Länge: 128 Min.
Regie: Ílker Çatak
Buch: Ílker Çatak,  Ayda Çatak, Enis Köstepen
Casting: Ceren Sena Akdenız
Cast: Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, Ípek Bílgín, Aydın Ișik, Azız Çapkurt u.a.
Kamera: Judith Kaufmann
Schnitt: Gesa Jäger
Musik: Marvin Miller

Derya und Aziz, ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13jährigen Tochter Ezgı ein erfülltes Leben, bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren bald darauf Arbeit und Wohnung. Sie gehen nach Istanbul, wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen. Während er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derya nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Nach und nach vergrößert sich die Distanz zwischen ihnen und ihrer Tochter, bis sie sich zwischen ihren Wertvorstellungen und der gemeinsamen Zukunft als Familie entscheiden müssen. 

Der renommierte Regisseur von Das Lehrerzimmer und anderen hochkarätigen Produktionen widmet sich mit diesem Film der brutalen Macht totalitärer Systeme. Minutiös seziert er die langsam fortschreitende Zerstörung einer glücklichen Familie, die von innen heraus aufgerieben und auseinandergetrieben wird, weil das Bedürfnis nach Existenzieller Absicherung mit dem Anspruch an politische Integrität kollidiert. Es ist nicht verwunderlich, dass Çatak diesen heiklen Stoff in Deutschland umsetzte, seine türkischen Großstädte einfach in Berlin und Hamburg spielen ließ – ein zunächst irritierendes Moment, letztlich aber konsequent und eine ganz eindeutige Sprache sprechend. Ebensowenig verwunderlich ist, dass zwei Menschen, die mal eine Einheit waren, ab einem bestimmten Punkt auseinanderdriften können, weil die Sollbruchstelle einer jeden Integrität unterschiedliche Schmelzgrade hat.

Wir müssen uns sowieso alle ab einem bestimmten Punkt die Frage stellen: inwieweit ist es wichtiger, in den Spiegel schauen zu können oder sich dem System zu beugen und dafür die Miete zahlen zu können, einen gesellschaftlichen Status zu haben? (Unweigerlich kommen einem Brechts Zeilen der 1920er Jahre in den Sinn: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral").

Bei aller Wertschätzung für die gewichtige Aussage dieses Films bin ich von der Gesamtwirkung jedoch nicht überzeugt. Allzu dialoglastig, allzu theaterhaft und trocken wirkt das Geschehen. Theoretisches Kino gewissermaßen. So sehr ich versuchte, mich bei der Sichtung auf das Geschehen einzulassen, so unweigerlich bin ich in Gedanken weggedriftet. Was mich als großer Fan von Çataks Arbeiten (beeindruckend etwa Es gilt das gesprochene Wort) überrascht, denn bislang schien er mir ein Meister lebendigen, nicht so offensichtlich kopfgesteuerten, intuitiven Kinos zu sein.

Mein Eindruck bleibt hier darum ausgesprochen ambivalent.

cnm 

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