INNERE EMIGRANTEN

INNERE EMIGRANTEN ★★★★☆☆
Originaltitel: | Start: 14.05.2026 | FSK 12
© Karbe Film GmbH



Deutschland, Frankreich 2025
Genre: Dokumentarfilm
Länge: 93 Min.
Regie: Lena Karbe
Buch: Lena Karbe, Gregor Koppenburg
Cast: Mitarbeitenden einer Krisenhotline u. deren persönlichen Umfeld
Kamera: (anonym)
Schnitt: Charlotte Tourès
Musik: Maxence Dussère

Drei ehrenamtliche Psycholog:innen einer Moskauer Krisenhotline leisten seit Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine, freiwilligen Telefondienst. Die Auswirkungen der russischen Propaganda auf die eigene Bevölkerung werden während ihrer Arbeit besonders spürbar. Zwischen beruflicher Verantwortung und weitreichenden Einschränkungen der Meinungsfreiheit müssen die Psycholog:innen einen Weg finden, sich verantwortungsvoll einzubringen. Im aufreibenden Balanceakt zwischen den Bedürfnissen Hilfesuchender und ihrer eigenen psychischen Gesundheit dräut immerzu das Risiko, selbst zu Komplizen des totalitären Systems zu werden.

Dieser Dokumentarfilm entstand über drei Jahre unter strengster Geheimhaltung, es ist ein offensichtlich mutiges Projekt, wenn die Interviewten über Meinungsbeschneidung und Angstmache sprechen, wenn sie darstellen, wie hin- und hergerissen sie sind zwischen ihrem beruflichen Ethos und eigenen politischen Überzeugungen. Mich hat schon erstaunt, dass man sie alle klar und deutlich sehen kann!

Lena Karbe beweist mit ihrer zweiten dokumentarischen Arbeit, dass sie ein untrügliches Gespür dafür hat, was wichtig ist. Sie selbst spielt sich als Macherin praktisch gar nicht in den Vordergrund, ist, wenn sie eine Frage stellt, nur leise im Hintergrund zu vernehmen, gibt den Gesprächspartnern alle Zeit und allen Raum. Und wie Wasser bahnt sich sehr langsam und allmählich ein Rinnsal aus Erkenntnissen und Wahrheit den Weg nach vorne: was mit alltäglichen Problemen der Anrufenden beginnt, mündet in dramatischere Gespräche über verdrängte Schuldgefühle, über Angst, Wut und Einsamkeit, erstreckt sich über Gespräche mit den Mitarbeitenden selbst, ihre Dilemmata, die omnipräsente Frage nach der eigenen (politischen) Integrität und letztlich in einem deutlich artikulierten Ohnmachtsgefühl. Es ist darob bewundernswert, wie professionell und diszipliniert sie ihrer Aufgabe am Telefonhörer treu bleiben.

Eine Ohnmacht scheint das ganze Land überkommen zu haben: Panzer rollen wie selbstverständlich durch die Straßen, es herrscht oberflächliche Ruhe und unheimlicher Friede; Protestieren, sagt einer, lohne sich nicht, man wolle ja überleben, und eine höhere Geldbuße nach einer Festnahme / Inhaftierung käme nur dem System zu Gute. Absolut nachvollziehbar! 

Meine Vermutung ist, dass die Regisseurin mit ihrer Arbeit eine eindeutige und niederschmetternde Antwort auf die sie beschäftigende Frage nach der Befindlichkeit in ihrer alten Heimat erhalten hat. Die Dokumentation manifestiert einen beklemmenden Status Quo, und alles was bleibt, ist die innige Hoffnung auf andere, auf bessere Zeiten – irgendwann...

cnm 

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