MIT LEISER STIMME

MIT LEISER STIMME ★★★½☆☆
Originaltitel: À VOIX BASSE | Start: 09.07.2026 | FSK 0
Marion Barbeau, Eya Bouteraa | © Neue Visionen



Frankreich, Tunesien 2026
Genre: Drama, Liebe
Länge: 112 Min.
Regie: Leyla Bouzid
Buch: Leyla Bouzid
Cast: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Fériel Chammari, Salma Baccar, Lassaad Jamoussi, Karim Rmadi
Kamera: Sébastien Goepfert
Schnitt: Lilian Corbeille
Musik: Guillaume Humery (aka Yom)


Die in Paris lebende Lilia reist mit ihrer Partnerin Alice zur Beerdigung ihres Onkels Daly in ihr Geburtsland Tunesien. Da Lilia noch nicht geoutet ist (und alle in der Familie ihr den richtigen Mann wünschen) nächtigt die Freundin nicht im tunesischen Familienwohnsitz, sondern in einem nahegelegenen Hotel. In dem Land stehen homosexuelle Beziehungen und Handlungen unter Strafe, außerdem war der verstorbene Onkel schwul und starb unter dubiosen Umständen – da scheint es diplomatisch geschickt, die ahnungslose Familie nicht auch noch mit ihrer lesbischen Beziehung zu konfrontieren, so haben sich die beiden Frauen geeinigt. Neben den Trauerzeremonien und zahllosen familiären Begegnungen stellt nun Lilia selbst eine Recherche an, den Spuren des Onkels folgend – und erlebt dabei aufschlussreiche Begegnungen und Gespräche in der queeren Community. Als Alice überraschend auf der Trauerfeier aufkreuzt (diskret, freundlich und leise), droht die Scharade aufzufliegen und etablierte Lebensmodelle einzustürzen wie ein Kartenhaus.

Mit viel Feingefühl und menschlicher Tiefe erzählt Regisseurin Bouzid von der Unmöglichkeit frei- und selbstbestimmter lesbischer Liebe in einem repressiven System. Der schmerzhafte Kontrast hier: innerhalb der Familie sind sich alle ausgesprochen nah und mögen einander gern – doch wenn es zum Tabuthema Homosexualität kommt, wird geflüstert und explizite Vokabeln tunlichst vermieden (siehe Filmtitel), da auch die Familie vom System infiltriert ist – und den Kindern selbstverständlich keinen Ärger bzw. Gefängnis wünscht. Bemerkenswert und symptomatisch mal wieder, dass, wenn es drauf ankommt, die Polizei bzw. das System eine lesbische Liebe marginalisiert (nicht ernst nimmt), da es sich ja "nur" um Frauen handelt. Willkommen im Patriarchat!

So schön und gefühlvoll der Film auch gemacht, so zeitlos relevant das Thema auch ist – mir fehlten ein wenig Ecken und Kanten in der Geschichte, die Inszenierung bzw. die Ereignisdichte scheint mir doch sehr brav und konventionell, die Entwicklung der Charaktere erwartbar, ein wenig Humor, der der Geschichte gut getan hätte, sucht man vergebens. Das macht andererseits die Geschichte für jene, die dem Thema skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen eher akzeptabel, sprich: konsumierbar. 

Mit leiser Stimme ist ein probater Film zum Thema Umdenken in einer streng patriarchalen Gesellschaft, geeignetes Schmiermittel quasi für längst überfällige Perspektivwechsel und Diskussionsprozesse bzgl. des Umgangs mit queeren Menschen.

cnm

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