LIEBER THOMAS

"Diese mörderische Welt..."
LIEBER THOMAS
Kinostart: 11.11.2021 | FSK 16
Albrecht Schuch | ⓒ Wild Bunch Germany

Deutschland 2021
Genre: Biopic
Länge: 150 Min. (langer Film)
Regie: Andreas Kleinert
Buch: Thomas Wendrich
Darsteller: Albrecht Schuch, Jella Haase, Iona Iacob, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Emma Bading, Peter Kremer u.a.
Kamera: Johann Feindt
Schnitt: Gisela Zick
Musik: Daniel Michael Kaiser

Presse-info/-Synopsis: Der Film LIEBER THOMAS bezieht sich zwar auf das Leben des Autoren, alle Figuren und privaten Geschehnisse sind aber fiktional.

"Die DDR ist noch jung, aber Thomas Brasch (Albrecht Schuch) passt schon nicht mehr rein. Es ist vor allem sein Vater Horst, der den neuen deutschen Staat mit aufbauen will. Doch Thomas, der älteste
Sohn, will lieber Schriftsteller werden. Thomas ist ein Träumer, ein Besessener und ein Rebell. Schon sein
erstes Stück wird verboten und bald fliegt er auch von der Filmhochschule. Als 1968 die sowjetischen Panzer durch Prag rollen, protestiert Brasch mit seiner Freundin Sanda (Ioana Iacob) und anderen Studenten mit einer Flugblattaktion in den Straßen Berlins – und rennt vor die Wand. Sein eigener Vater verrät ihn, und Thomas Brasch kommt ins Gefängnis.
Auf Bewährung entlassen, arbeitet Brasch in einer Fabrik und schreibt über die Liebe, die Revolte und den Tod. Aber mit einem wie ihm kann man in der DDR nichts anfangen. Ohne Aussicht, gehört zu werden, verlässt Thomas mit der Frau, die er liebt (Jella Haase), die Heimat. Im Westen wird er anfangs bejubelt, dreht mehrere Kinofilme, wird zweimal nach Cannes eingeladen. Doch Brasch lässt sich nicht vereinnahmen. Auch nach dem Mauerfall, zurück in Ost-Berlin, ist er weit davon entfernt, Ruhe zu geben".

Das Besondere an diesem Biopic ist, dass man nicht einfach ein paar Lebensstationen abgearbeitet hat, sondern, dass wir mittels geschickter Kunstgriffe derart nah an Thomas Brasch herangeführt werden, dass es einer Hypnose gleicht. Brasch (1945-2001), Visionär, Sonderling, Freigeist, Besessener, erlebte die Welt als Knast, sei es im Internat, in seiner Familie, in Haft, im goldenen Käfig in New York - von Seiten des Sozialismus oder des Kapitalismus gleichermaßen. Eine wirkliche Freiheit gab es allein in seinem Kopf, und die hat er sich jederzeit gestattet - erst zum Ärgernis seiner Familie (insbes. seines Vaters), später Rebell gegen das Establishment. Dass der Mann ein Magnet war (als Mann, als Künstler, als Denker), setzt Albrecht Schuch mit größter Transparenz um, und der Rest des Casts ist ohne Ausnahme ebenbürtig besetzt. Formal spricht der Film ebenso die Sprache der Freiheit: die Fotografie schwarz-weiß, die Musik auffallend heterogen, grafische Elemente höchst ungewöhnlich, einige Zeitraffer, die eine Art Trance-Zustand oder Fantasiewelt suggerieren, einige Sequenzen, die so fließend wie verwirrend in den Kopf des Autoren abdriften und zuweilen wirklich schockieren.
 
Ich befürchte, dass Worte dieser Arbeit kaum gerecht werden können. Darum kürze ich ab mit dem Gedanken, den ich beim Verlassen des Kinosaals hatte: Lieber Thomas gesehen zu haben, genügt als allumfassendes Kinoerlebnis für ein ganzes Jahr.
 
cnm
 
Der Film erhielt das Prädikat "Besonders wertvoll".
Albrecht Schuch erhielt den Deutschen Filmpreis 2022 als Bester Darsteller.
 
Sie können meine Kritiken als 
wöchentliche mail bestellen unter:
cinemoenti@email.de

Kommentare

Beliebte Posts der letzten 30 Tage

DER REGENMEISTER

DER MANN, DER IMMER KLEINER WURDE – DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE DES MR. C

LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS

SPAZIERGANG NACH SYRAKUS

ZWEI STAATSANWÄLTE

SORRY, BABY

A MISSING PART

TO MY SISTERS

INSEKTEN – HELDEN IM VERBORGENEN

TOY STORY 5