NICHT VERRECKEN

70 Jahre Leben
NICHT VERRECKEN 
Filmstart: 13.10.2022 | FSK 12



Deutschland 2021
Genre: Dokumentarflm
Länge: 110 Min.
Regie: Martin Gressmann
Buch: Martin Gressmann
Interviews: Elena Shatkovskaia
Interviewte: Karol Gydanietz, Alexander Nesanel Fried, Simcha Applebaum, Roger Bordage, Marcel Souillerot, Wladimir Wojewodchenko, Serge Dimitref, Eduard Michailovich Simowez, Guy Chataigné, Otto Ernst Redner, Josef Tandlich, Zwi Steinitz
Kamera: Volker Gläser, Sabine Herpich
Schnitt: Stefan Oliveira-Pita
Musik: Brynmor Jones

Im März 1945 ist das Ende des zweiten Weltkriegs unausweichlich: die rote Armee rückt heran, die Befreiung vom Nazi-Regime naht. Nun werden hunderte Gefangene aus den Konzentrationslagern in langen, quälenden Fußmärschen Richtung Westen getrieben, bis zu 250 Kilometer weit. Nach Hitlers Selbstmord werden die Überlebenden in Raben Steinfeld bei Schwerin, in Ludwigslust, in Plau am See und noch weiter nördlich von der roten und der US Armee befreit. 

An den Wegen dieser Todesmärsche in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stehen heute 200 Gedenktafeln. Der Dokumentarist Gressmann lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, Menschen, die zu jener Zeit - meist um die 17jährig - nicht wussten, ob sie diese Tortur überleben würden, zu Wort kommen. Er zeichnet die Wege nach und fängt die Erinnerungen ein, die durch die O-Töne für uns lebendig werden. Manche dieser Zeugen sprechen zum ersten Mal vor der Kamera. Die einzelnen Gräuel möchte ich hier textlich nicht wiedergeben, sondern stattdessen empfehlen, sich dies Dokument anzuschauen und zuzuhören. Die heute um die 90jährigen erinnern sich so präzise, als wäre keine Zeit vergangen.

Dominik Graf bringt die Qualität des Films auf den Punkt:
"Martin Gressmann horcht und blickt auf das Detail, gibt acht auf Topographien und lässt ahnen. Hier erweckt Sachlichkeit echtes Gefühl. So sehen Filme aus, die uneitel und geduldig Wahrheit suchen".

Ja tatsächlich. Gressmann forciert keine Gefühle, was so gut ist, weil es sowieso nicht geht bzw. weil es darum nicht in erster Linie geht. Er montiert die O-Töne mit guten und wichtigen Ruhepausen, in denen wir die Wälder und Wege betrachten und nur Naturgeräusche hören können, nie Musik: so ermöglicht er ein viel besseres Begreifen und Verstehen. Sämtliche off-Kommentare sind so nüchtern vorgetragen, wie man nur eben sprechen kann. Das ist Welten entfernt vom heute üblichen Senations-Infotainment. 

In dieser Form Erinnerungskultur zu schaffen, ist eine besondere Leistung, von der es gar nicht genug geben kann. Die Angst, dass vergessen werden könnte, wird im Film auch deutlich artikuliert. - Und da der Blick zurück und der Blick nach vorn m.E. zwingend zusammen gehören, empfehle ich an dieser Stelle quasi als Ergänzung den Dokumentarfilm Back to the Fatherland (Deutschland, Österreich, Israel 2018, R.: Kat Rohrer, Gil Levanon).

cnm

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