Cast: Fine Sendel, Jule Böwe, Sira-Anna Faal, Noah Tinwa, Henning Peker, Denise M'Baye, Pasquale Aleardi u.v.m.Kamera: Valentin SelmkeSchnitt: Kai Eiermann
Musik: Fabian ZeidlerIn Spielfilmen gibt es i.d. Regel Haupt- und Nebenfiguren, es gibt Szenen, die herausgeschnitten wurden (Outtakes), wir sprechen von Hintergrundgeschichten (Biografien), Figurenpsychologie, von Ein- und Mehrdimensionalität, es gibt Stumm- und Tonfilme, Farbe und Schwarzweiß, die digitale Form hat die analoge größtenteils abgelöst.
Regisseurin Sophie Linnenbaum hat all diese Parameter in ihrem Spielfilmdebüt zu einer realen Welt geformt; in ihrer bittersüßen Erzählung leben die Persona innerhalb filmischer Gesetzmäßigkeiten und sind mit ihnen identifiziert: Hauptfiguren reden möglichst nicht mit Nebenfiguren, schwarzweiße und herausgeschnittene leben im Untergrund, die Feel-goods sind dazu verdammt, ständig zu singen und durch pittoreskes Dekor zu tanzen, während Stereotype an die vier Sätze von sich zu geben imstande sind... eine streng genormte Hierarchie, augenscheinlich fröhlich, aber in ihrem Kern im orwell'schen Sinne niederschmetternd.
Paula steht kurz vor der Prüfung, durch die sie von einer Nebenfigur zur Hauptfigur aufsteigen kann. Für ihre Mutter ist der Zug abgefahren: die hat ein mutterfigurtypisches Repertoire, das sie emsig in Schleife wiederholt - und ist damit für immer zur Nebenfigur verdammt. Der Monolog sitzt, Zeitlupe, Cliffhanger und grelles Schreien auch, nur mit den Emotionen hapert es bei Paula noch ein wenig. Doch kurz vor dem großen Ereignis kommt sie auf eine Spur, die sie zur wahren Identität des verlorenen Vaters - gefeiert als legendärer Held - führen könnte. Und leider auch in die Schattenwelt der Schwarzweißen, Tonlosen Analogen, die keine Rolle mehr spielen sollen.
Logisch: die Parallelen zum wirklichen Leben, zu Klischeedenken, Altersdiskriminierung, falschem Frohsinn als soziale Überlebensstrategie und so weiter sind in diesem Film - einer Mischung aus Dystopie und surrealer Komödie - wie unbegrenzt, und ihre Deutung wird mannigfaltig in den Köpfen des Publikums stattfinden (ein goldener Satz in diesem Film: "Ich glaube nicht an Publikum").
Und die darin geäußerte Gesellschaftskritik ist so messerscharf wie vergnüglich. Meiner Einschätzung nach gibt es Ideen dieser Güte etwa einmal in zehn Jahren, und es ist verwunderlich, dass nicht schon längst jemand darauf gekommen ist! - Leider hapert es noch ein wenig an Präzision in der Regie, sodass wir es für meine Begriffe mit einer Art ungeschliffenen cinéastischen Rohdiamanten zu tun haben. Meine Fantasie: mensch gebe diese Story Meisterregisseur Robert Zemeckis in die Hand, der soll den Film - Hand in Hand mit Sophie Linnenbaum - zu dem funkelnden Solitär machen, der er zu sein verspricht.
Eine einzige Meta-Ebene, eine Filmwelt identifiziert mit einer Lebenswelt: eine geniale Idee, die lediglich an mangelnder Stringenz in der Umsetzung schwächelt. Des Konzepts wegen sehr sehenswert!
cnm
Kommentare
Kommentar veröffentlichen